Grüner Strom aus der Gasleitung: Wie Rechenzentren die Klimabilanz der KI verfälschen

Deutschlands Energieeffizienzgesetz erlaubt Rechenzentren, fossiles Gas als 'grünen Strom' zu deklarieren. Was das für die KI-Infrastruktur bedeutet.

Inhaltsverzeichnis

Das Greenwashing-Problem im KI-Boom

Wer heute ein KI-Modell nutzt, interagiert mit globaler Infrastruktur, die Strom in einem Ausmaß verbraucht, das bisherige Vorstellungen sprengt. Gemäß aktuellen Prognosen wird der weltweite Stromverbrauch von KI-Rechenzentren vom Basisjahr 2023 bis zum Jahr 2030 um das Elffache ansteigen: von 50 Milliarden auf rund 550 Milliarden Kilowattstunden. Dieser Bedarf übersteigt bei weitem, was erneuerbare Energien heute decken können — und genau hier beginnt das Problem.

Ein Rechenzentrum kann in Deutschland heute offiziell als “grün” eingestuft werden, obwohl es vollständig mit fossilem Erdgas betrieben wird. Das ist kein theoretisches Szenario, sondern systematische Lücke im Regulierungsrahmen. Der Bezug von “grünem Strom” wird nicht streng genug geregelt — echte zusätzliche erneuerbare Kapazitäten sind nicht verpflichtend. Wer ein Herkunftsnachweiszertifikat kauft, kann die tatsächliche Stromquelle im Grunde verschleiern.

Daten des Global Energy Monitor zeigen, dass es auch in Deutschland immer mehr Gaskraftwerke für die Versorgung von Rechenzentren geben soll. Julian Bothe, Senior Policy Manager bei AlgorithmWatch, kommentiert: “Der Wettbewerb um immer mehr Rechenleistung bringt auch in Deutschland die Klimaziele in große Gefahr.” Die angekündigten Gaskraftwerke zeigen laut Bothe, dass die bestehenden gesetzlichen Regelungen unzureichend sind.

Das Energieeffizienzgesetz und seine Schlupflöcher

Das deutsche Energieeffizienzgesetz (EnEfG) klingt auf dem Papier ambitioniert. Rechenzentrumsbetreiber sind demnach verpflichtet, ab dem 1. Januar 2024 mindestens 50 Prozent und ab dem 1. Januar 2027 vollständig 100 Prozent ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken. Die entscheidende Schwachstelle liegt im Wort “bilanziell”: Es genügt, Zertifikate zu erwerben, die irgendwo in Europa erneuerbare Energie bescheinigen — unabhängig davon, ob der Rechner vor Ort tatsächlich mit Solarstrom oder Erdgas läuft.

Politikerinnen der Grünen betonen im Bundestag: “Die Rechenzentrumsstrategie und das Energieeffizienzgesetz müssen zusammengedacht werden.” Wer das trenne, betreibe Greenwashing. Und genau diese Trennung vollzieht die aktuelle Bundesregierung: Mit der vorliegenden Rechenzentrumsstrategie betreibe die Bundesregierung vor allem Greenwashing — sie verspreche nachhaltige Rechenzentren, während sie in der Novelle des Energieeffizienzgesetzes zentrale Nachhaltigkeitsvorgaben schleifen wolle.

Hinzu kommt die Novelle des EnEfG, über die seit April 2026 diskutiert wird. Laut Entwurf sind unter anderem folgende Anpassungen geplant: Die Effizienzziele sollen bestehen bleiben, jedoch würden Einsparverpflichtungen für Bund und Länder entfallen, Schwellenwerte für Unternehmenspflichten angehoben und Effizienzanforderungen für Rechenzentren gelockert. In einer Zeit, in der Deutschland seine Klimaziele im Gebäude- und Verkehrssektor bereits verfehlt, sei es unverantwortlich, dem am stärksten wachsenden Stromverbrauchssektor einen Freibrief für ineffizientes Wachstum auszustellen.

Rechenzentren nutzen fossiles Gas als Antwort auf Engpässe in der Energieversorgung — und dies ist inzwischen auch in Frankfurt der Fall. Diese Engpässe entstehen dort und in anderen Rechenzentrums-Hotspots oft allein aufgrund des hohen Energiebedarfs der Branche. In Frankfurt etwa existieren Pläne, direkt neben einem Rechenzentrum ein Gaskraftwerk zu errichten — mit dem expliziten Zweck, die digitale Infrastruktur zu versorgen.

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Die Ressourcenexplosion hinter dem KI-Versprechen

Das Problem beschränkt sich nicht auf Strom. Neben den sogenannten “direkten” Umweltwirkungen — den Treibhausgasemissionen, dem Wasserverbrauch für Kühlungssysteme oder dem Ressourceneinsatz bei der Hardware-Produktion — hebt der Öko-Institut-Bericht auch die ökologische Bedeutung der indirekten und systemischen Effekte von KI hervor.

Die mit dem wachsenden Energiebedarf verbundenen Treibhausgasemissionen steigen nach den Berechnungen von 29 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten im Jahr 2023 auf 166 Millionen Tonnen im Jahr 2030. Ein wachsender Anteil erneuerbaren Stroms ist bereits eingerechnet — dennoch wird KI im Jahr 2030 voraussichtlich fast die Hälfte aller Rechenzentrumsemissionen weltweit verursachen. Zwar haben sich große Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Microsoft und Meta öffentlich auf Klimaneutralität bis 2030 festgelegt, ihre aktuellen Nachhaltigkeitsberichte weisen jedoch auf gegenteilige Trends hin.

Die Ressourcenexplosion hat noch weitere Dimensionen, die im öffentlichen Diskurs kaum vorkommen. Laut Bericht wird sich der Wasserverbrauch für die Kühlung der Systeme auf 664 Milliarden Liter vervierfachen. Und auch das Abfallaufkommen steigt deutlich: Bis zu fünf Millionen Tonnen zusätzlicher Elektroschrott könnten anfallen. Zudem werden große Mengen an Rohstoffen benötigt, darunter 920 Kilotonnen Stahl und rund 100 Kilotonnen sogenannter kritischer Materialien.

Besonders beunruhigend ist das Transparenzdefizit auf europäischer Ebene. Die EU-Kommission hat Big Tech einen frühen Sieg verschafft: Entscheidende Informationen über den Energieverbrauch einzelner Rechenzentren und deren Umwelt- und Klimaauswirkungen werden geheim gehalten — obwohl die zugrunde liegende Richtlinie ausdrücklich deren Veröffentlichung fordert. Problematisch ist zudem, dass große Tech-Firmen ihre gewonnene Position auf EU-Ebene nutzen, um auch innerhalb der Mitgliedstaaten auf weniger Transparenz zu drängen.

Als Folge der steigenden Energienachfrage und überlasteter Stromnetze stellt Jens Gröger, Forschungskoordinator für nachhaltige digitale Infrastrukturen am Öko-Institut, fest: “Auch in den kommenden Jahren werden Rechenzentren weiterhin auf fossile Energieträger wie Erdgas und Kohle angewiesen sein – mit entsprechend hohen ökologischen Kosten.”

Das Dual-Use-Dilemma der KI-Infrastruktur

Wir stehen vor einem klassischen Dual-Use-Dilemma: Dieselbe Infrastruktur, die KI-Modelle für Klimamodellierung oder medizinische Forschung betreibt, verursacht den Ressourcenverbrauch, der genau jene Klimaziele untergräbt, zu deren Erreichung KI angeblich beitragen soll. “Die rasche Expansion von Rechenzentren zur Bereitstellung von Technologien, die als ‘Künstliche Intelligenz’ vermarktet werden, rettet die Aussichten für fossile Brennstoffe durch Nachfragesteigerung und löst panisches Deployment neuer fossiler Infrastruktur aus. Dieser korrektive Trend wird oft damit gerechtfertigt, dass ‘KI’ diese Sünden letztendlich durch einen Nettovorteil für die Klimaschutzmaßnahmen ungeschehen machen wird.”

Viele Tech-Konzerne nutzen Erneuerbare-Energie-Zertifikate und Power-Purchase-Agreements, um ihre Rechenzentren grünzuwaschen. Das Prinzip ist bekannt: Ein Unternehmen kauft Zertifikate für Solarstrom aus Spanien — und betreibt seinen Server in Frankfurt mit Erdgas. Bilanziell stimmt die Rechnung, physikalisch nicht.

Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von AlgorithmWatch vom Oktober 2025 ist eine große Mehrheit der Befragten für eine stärkere Regulierung und für mehr Transparenz von Rechenzentren. Zwei Drittel stimmen der Aussage zu, dass Rechenzentren nur gebaut werden dürfen, wenn dafür entsprechend zusätzliche Kapazitäten erneuerbarer Energien geschaffen werden. Die gesellschaftliche Forderung nach echten Standards ist damit klar formuliert — die politische Umsetzung bleibt dagegen weit dahinter zurück.

Der Ausbau der KI-Infrastruktur sorgt dafür, dass Gas- und Kohlekraftwerke länger am Netz bleiben — und der Weg in die Klimaneutralität immer länger wird. Das ist keine Randnotiz, sondern ein struktureller Effekt des aktuellen Regulierungsversagens.

Fazit

Die Debatte um grüne Rechenzentren ist keine technische Detailfrage — sie ist eine Frage politischer Ernsthaftigkeit. Wer KI als Schlüsseltechnologie für eine nachhaltige Zukunft positioniert, während gleichzeitig gesetzliche Standards abgeschwächt werden, betreibt institutionalisiertes Greenwashing. Die Lücke zwischen dem, was auf Zertifikaten steht, und dem, was tatsächlich aus der Steckdose kommt, ist nicht kleiner Verwaltungsfehler, sondern strukturelle Verzerrung.

Wenn du KI-Dienste nutzt, finanzierst du Infrastruktur, deren tatsächlicher ökologischer Fußabdruck systematisch verschleiert wird. Das Mindeste, was ein ehrlicher Umgang mit dieser Situation erfordert, sind verbindliche, physikalisch nachvollziehbare Herkunftsnachweise für Strom — und die Abkehr von bilanziellen Fiktionen, die Fossiles als Erneuerbar ausweisen. Echte Nachhaltigkeit beginnt nicht mit dem Kauf eines Zertifikats, sondern mit dem Bau einer Solaranlage.

Häufige Fragen (FAQ)

Was bedeutet “bilanzieller Ökostrom” bei Rechenzentren?

Bilanzieller Ökostrom bedeutet, dass ein Unternehmen Herkunftsnachweiszertifikate kauft, die irgendwo in Europa erzeugte erneuerbare Energie belegen — unabhängig davon, welcher Strom physikalisch im Rechenzentrum ankommt. Das Rechenzentrum kann also tatsächlich mit Erdgas betrieben werden und gilt dennoch als “grün” betrieben. Diese Praxis ist legal, aber aus Sicht einer echten Energiewende irreführend.

Was fordert das deutsche Energieeffizienzgesetz von Rechenzentren?

Das EnEfG verpflichtet Rechenzentrumsbetreiber unter anderem dazu, ab 2024 mindestens 50 Prozent und ab 2027 bilanziell 100 Prozent ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken. Hinzu kommen Effizienzstandards für den PUE-Wert sowie Vorgaben zur Abwärmenutzung. Die geplante Novelle 2026 sieht allerdings eine Lockerung zentraler Anforderungen vor.

Wie stark wächst der Energiebedarf von KI-Rechenzentren wirklich?

Laut der Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace wird der weltweite Strombedarf reiner KI-Rechenzentren zwischen 2023 und 2030 um das Elffache steigen — von rund 50 auf 550 Milliarden Kilowattstunden jährlich. Der globale Gesamtstromverbrauch für Datenverarbeitung könnte dann rund 1.400 Milliarden Kilowattstunden erreichen, was etwa dem dreifachen Stromverbrauch Deutschlands entspricht.

Warum bauen Rechenzentren eigene Gaskraftwerke?

In Ballungsräumen wie Frankfurt sind die Netzanschlusskapazitäten weitgehend ausgeschöpft. Da Rechenzentren rund um die Uhr zuverlässig Strom benötigen und erneuerbare Energien diese Grundlastsicherheit allein nicht bieten können, greifen Betreiber auf eigene Gaskraftwerke zurück. Fossiles Gas ist flexibel einsetzbar, jederzeit verfügbar und genehmigungsrechtlich vergleichsweise unkompliziert.

Was können Nutzerinnen und Nutzer tun?

Wer KI-Dienste nutzt, kann gezielt nach Transparenzberichten von Anbietern fragen und bevorzugt Dienste wählen, die ihren tatsächlichen Energiemix offenlegen — nicht nur bilanzielle Zertifikate vorweisen. Darüber hinaus ist politisches Engagement entscheidend: Die Kommentierungsphasen zu Gesetzesnovellen wie dem EnEfG sind öffentlich, und zivilgesellschaftlicher Druck auf verbindliche, physikalische Herkunftsnachweise wirkt nachweislich.

Quellen

1. The murky mechanics of data centers’ green electricity — AlgorithmWatch

2. Gaskraftwerke für Rechenzentren in Deutschland gefährden Klimaziele — AlgorithmWatch

3. KI auf Kosten des Klimaschutzes: Energiebedarf von Rechenzentren verdoppelt sich bis 2030 — Öko-Institut

4. Künstliche Intelligenz: Energieverbrauch und Umweltauswirkungen — Greenpeace Deutschland

5. Energieeffizienzgesetz (EnEfG) Novelle 2026 erklärt — DENEFF

6. Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung beraten — Deutscher Bundestag

7. Copy, paste, govern: Microsoft ghostwrote EU policy that keeps data centers’ energy use secret — AlgorithmWatch

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